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HERBEI, O IHR GLÄUBIGEN!

 

Haben Sie Kaspars Tablet gesehen? Mit dem Navi sucht er den Weg nach Bethlehem. Zudem kann er ablesen, wann er am Zielort ankommt, wo die Tankstellen fürs Kamel sind und wo König Herodes Radarfallen hat aufstellen lassen. Perfekt! Wäre da nicht die Angst vor einem Funkloch. (Dass z. B. auch die Hotelreservations-App nichts taugt, wird Kaspar demnächst von einer angereisten Familie in Bethlehem erfahren.) Immerhin: Er geht mit der Zeit!

 

Hingegen könnte Melchiors Orientierungsmethode am Sternenhimmel altmodischer nicht sein. Er fällt noch vom Kamel, wenn er weiterhin so steil zum Stern aufschaut, auf den er setzt! Und wenn er auf eigenen Füssen ginge, würde er ständig stolpern. So geht es denen, die nur auf den Himmel schauen und den Boden nicht beachten. Aber: Wenn Kaspars Akku leer ist, dann ist Melchior im Vorteil! Es sei denn, Wolken oder Tageslicht machten den Wegweiser unsichtbar.

 

Dann punktet Balthasar. Er setzt auf die untrügliche Intuition des Kamels: Es kennt den Weg nach Bethlehem und folgt selbstbewusst und trittsicher seinem inneren Kompass. Dass Kamele aber auch eigensinnig sind und sich leicht ablenken lassen, verdrängt Balthasar; dank seiner Gabe des Träumens fällt es ihm später – hoffentlich rechtzeitig – wieder ein.

 

Die drei Weisen stehen für Menschen, denen unterschiedliche Gaben und ein je eigener Glaube gegeben ist. Ihr Glaube ist keine Erfolgsgarantie: Wie wir verlieren die Weisen manchmal das Ziel aus den Augen, sie erleben, dass Gott ihnen kaum einfach Zeichen schickt, dass ihr „Akku“ leer wird, dass sie scheitern. Sie lernen, dass zu jedem Glauben auch die Möglichkeit des Scheiterns gehört. Nur wer an nichts glaubt, scheitert nie; er macht sich aber auch nirgendwohin auf und bleibt zurück.

 

Die drei Weisen haben Glauben. Er ist ihnen Ziel, das ruft, und Kraft, die treibt. Richtig gut voran kommen sie aber erst, wo sie ihren Weg teilen und ihre Suchmethoden zusammenlegen. So weiss das Kamel auch im Funkloch weiter, und mit dem Stern korrigiert Melchior dessen Launen nachher wieder. Die Weisen lernen, die Stimme Gottes auch im Glauben der anderen zu erhorchen. Und dass es gut ist, mit seinem Glauben nicht allein unterwegs zu sein. So ringen sie miteinander, sie ermutigen einander. Und so schaffen sie es schliesslich zu Bethlehems Stall, um dem himmlischen Kind ihre Gaben darzubringen.

 

Advent und Weihnachten feiert niemand allein. Die Kirche bietet – wie das Kamel mit dem breiten Rücken – Gemeinschaft an, in der alle Gaben teilen, Ziele suchen, einander voranbringen und Licht werden, wenn Gottes Licht kommt. Also: Herbei, o ihr Gläubigen!

 

Jürg Kägi