Plakataktion


FASNACHT UND KIRCHE?

 

 Darf die Kirche ein Plakat zur Fasnacht gestalten und aufhängen, noch dazu mit dem Motto der Solothurner Fasnacht? – Die Mitglieder der Kommission «Öffentlichkeitsarbeit der Bezirkssynode» diskutierte diese Fragen in der Vorweihnachtszeit mehr oder weniger heiss. Es war in jedem Fall die Diskussion wert – so sind wir ins Gespräch gekommen. Entstanden ist dieses Plakat, das in der Fasnachtszeit an allen reformierten Kirchen Solothurns, Grenchens, des Wasseramts, Leberbergs und Bucheggbergs aufgehängt wird. Der Grafiker Hugo Bossard aus Lohn-Ammannsegg hat es gestaltet – es gab bei der Besprechung des Sujets viele heitere Momente (fragen Sie nicht, was wir noch in Erwägung gezogen haben 😊!)

Ich weiss ja nicht, wer von Ihnen Fasnächtler oder Fasnächtlerin ist. Ich war das ehrlich gesagt noch nie so richtig. Warum, weiss ich auch nicht. Mein Platz in der Fasnacht ist der Beobachtungsposten – nein, nicht von der Kanzel herab, sondern gemütlicher: Am Tisch, mit einer Tasse Kaffee und Zeitungen, die einige von vielen Schnitzelbänken für Leute wie mich sammeln.....«Darf man oder darf man nicht?» In der fünften Jahreszeit ist das keine Frage. Erlaubt ist, was gefällt. Und so können verschiedene Ereignisse des Jahres ehrlich unter die Lupe und auf’s Korn genommen werden.

Warum ist das eigentlich so? Schenkt uns die Ritterrüstung, die Clown-Schminke oder der Zauberhut mit dem langen Bart den richtigen Schutz, um der Realität ehrlich ins Auge zu sehen oder unseren Alltags so darzustellen, dass wir drüber lachen können? Humor in manch schwierigen Situationen hilft ja häufig, alles ertragen zu können.
Und der Pfarrer auf der Kanzel: Will er wirklich mit diesem Blick die «frohe Botschaft» verkünden? Immerhin hat er sich zu seiner Amtstracht noch einen Kopfschmuck aufgesetzt, der ihn und das Volk erinnert, dass nun Fasnacht, d.h. Zeit des Ausgelassenseins und des Humors, ist. Offenbar hören aber die drei aus dem Volk genau zu. Denn jemand kommentiert die Predigt mit «Jo säg ou!». Ist das frech oder einfach nur ehrlich? Hat der Clown die alten (und neuen) Weisheiten wirklich gehört und auch verstanden? Der Pfarrer scheint sprachlos zu sein – ob er sich freut über einen solchen Kommentar oder ihn eher lästig findet?

Tja, manche Frage bleibt offen – und wird Ihrer Erfahrung und Interpretation anheimgestellt. Doch Folgendes empfehle ich Ihnen, ob Sie nun Fasnächtler sind oder nicht, in die Fasnachtszeit mitzunehmen: Nicht jedes Wort im Alltag, am Sonntag, im Privaten oder in der Öffentlichkeit muss jeweils auf die Goldwaage gelegt werden. Das macht das Leben leichter. Haben Sie nicht nur in der Fasnacht den Mut, genau hinzuschauen und den Mund aufzumachen, gerade, wenn es um Themen der Kirche und des Glaubens geht! Hat das nicht auch Jesus gemacht?

Eine entspannte, lustige, ehrliche und bereichernde Fasnachtszeit wünscht Ihnen herzlich

Pfarrerin Dorothea Neubert